2026 GEFANGENENLAGER AN DER MUNA

Die Forschungen des Historikers Dr. Bernhard Bremberger haben zahlreiche neue Ergebnisse zu dem Gefangenenlager an der Muna als Ort des NS-Terrors ergeben haben. Diese gehen weit über die auf der Muna-Tagung im April 2025 präsentierten Ergebnisse hinaus. Sie belegen die Willkür der zur Zwangsarbeit gezwungenen und die Verflechtung des Orts mit NS-Ideologie/ Rassenpolitik, Deportation, aber auch Widerstand.

Deshalb hat die Geschichtswerkstatt am 22.3. zu einer Gedenkveranstaltung, exakt an dem Ort der Tat und der Deportationen, den Gefangenenbaracken – also am Adenauerplatz, eingeladen. Sinti und Roma leisteten dort Zwangsarbeit und wurden von dort aus ins KZ-Mauthausen deportiert. Personen, die nonkonformes Verhalten zeigten oder aktiv Widerstand leisteten, waren dort zu Zwangsarbeiten verpflichtet. Um den 20.3. kam es zur Verlegung der Inhaftierten, quasi zur Auflösung des Lagers. Nach Luftangriffen erfolgten am 24.3. die Sprengungen seitens der Nazis. Deshalb wählten wir Sonntag, den 22. 3. und freuten uns, dass Ludwig Achenbach sich städtischerseits mit einem Grußwort an der Veranstaltung beteiligte und wir für die musikalische Umrahmung Martin Grebenstein gewinnen konnten. Sein Arrangement von „Die Moorsoldaten“ (1933 | Goguel/Esser/Langhof/Uhlig) nahm Bezug auf die „Lager-Erfahrungen/-Biografie“ vieler Inhaftierter, die aus den Emslandlagers in den Justizvollzugsanstalten des Gerichtsbezirk Darmstadt verschleppt wurden und teils auch an der Muna zu Zwangsarbeit gezwungen waren. „Nuages“ (1940 | Django Reinhardt) erinnerte an die Inhaftierung und Deportation der Sinti und Roma am 10.12.42 von Eberstadt aus  nach Mauthausen und „Le Chant de la Libération“ (1943 | Anna Marly) stand für die Kriegsgefangenen nach Darmstadt verschleppten Zwangsarbeiter.  


 

Während der Gedenkveranstaltung haben wir erstmals die Ausstellungstafeln gezeigt, die über den historischen Ort, NS-Justiz und Biografien exemplarisch informieren und den Vortrag von Bernhard Bremberger nochmal aufgreifen und ergänzen. Für die Gestaltung der Tafeln konnten wir wieder Rainer Lind gewinnen. Die inhaltliche Erarbeitung übernahm Dr. Bernhard Bremberger in Absprache mit der Rainer Lind und Geschichtswerkstatt.

 

Außerdem stellte der Künstler Hannes Metz den Vorschlag für eine Gedenkskulptur vor, die an dem Ort einmal dauerhaft an die Opfer von NS-Terror erinnern könnte. In die Umsetzung der Gedenkskulptur würden Jugendliche bzw. junge Erwachsene vom Werkhof eingebunden werden. Im Gespräch mit der Geschichtswerkstatt erläuterte Hannes Metz die Gedenkskulptur, ihren Bezug zum Munagelände sowie zum Denkmal des unbekannten Deserteurs, das heute auf dem Hiroshima-Nagasaki-Platz in Darmstadt steht. So versuchten wir die Veranstaltung neben Redebeiträgen auch dialoghaft zu gestalten und über die Tafeln im Anschluss an das Programm mit den Anwesenden ins Gespräch zu kommen. Martin Grebensteins Arragement von „Le Chant de la Libération“ von Anna Marly (1943), das am Ende in „Here comes the Sun“ überging, bot dafür ebenfalls eine gelungene Überleitung.

Hannes Metz, geboren am 31.05.1954 in der Pfalz, studierte nach einer abgeschlossenen Schlosserausbildung sein Studium, initiierte den Werkhof mit, arbeitete zwischenzeitlich im Entwicklungsdienst (4 Jahre in Nicaragua) und ist heute wieder am Werkhof und arbeitet mit „verhaltensoriginellen Jugendlichen“.  Seit 2000 sind seine Objekte in Skulpturausstellungen zu sehen. Seine Kunst beschäftigt sich mit Themen wie Begegnung und Gleichgewicht. „Gegensätzliches auszugleichen, den Kontrast aufzuheben – das ist die große Herausforderung“, charakterisiert Hannes Metz sein Wirken. Er arbeitet mit Kreis- und Kettensäge, Bohrmaschine und Winkelschleifer, formt Holz, Blech und Metall und führt sie gemeinsam mit weiteren Materialien wie Glas und Keramik zu Skulpturen zusammen. Meist oder immer (?) steht dabei auch im Fokus “Alt und Neu miteinander zu verbinden.“  Dabei begeistern ihn, wie er selbst sagt, „einfache geometrische Formen und Strukturen.“  „Lässt man sich auf seine Werke ein, ist es, als würde ein Fenster zu einer neuen Wahrnehmung aufgestoßen.“, sagt Melanie Schweinfurth in einem Portrait über Hannes Metz. 




Veranstaltung verpasst?
Hier ist die Rede der Geschichtswerkstatt zum Nachlesen 

Was können wir erinnern, wie wollen wir erinnern,

das sind kurz gesprochen die Fragen, die sich nicht nur diejenigen stellen, die mit sich mit Erinnerungsarbeit beschäftigen. Es sind die Fragen, die eine Gesellschaft sich stellen muss. Denn sie zeichnet sich über ihren Umgang mit Geschichte aus.

Dass wir heute hier stehen, hängt mit diesen Fragen zusammen. Wollen wir an diejenigen an dem Ort erinnern, an dem sie, wie Bernhard Bremberger zeigen wird, in Gefangenenbaracken dem NS-Terror ausgesetzt waren? Wollen wir ein Bewusstsein schaffen, für historische Verantwortung und deren sichtbare Verortung in unserem Alltag?   

Die Antworten auf die Frage, „Was können wir erinnern“, können verunsichern. Denn: wie der italienische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Primo Levi 1986 sagte „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Also wie umgehen mit dieser Unsicherheit, dieser Erschütterung, diesem Vertrauensverlust in Aufklärung und Menschlichkeit? Ein Vergessen oder Verdrängen verstärkt die – wie Ralph Giordano 1987 es formulierte – „Zweite Schuld“. Wichtig dagegen sind die Sichtbarkeit von historischen Ereignissen, die Anerkennung des Konkreten, des Geschehen vor Ort. Nur so wirkt man gegen das Vergessen und – leider hochaktuell – hoffentlich auch gegen die Dynamiken und Strukturen revisionistisch geprägter Geschichtspolitik der Neuen Rechen, die Verbrechen der NS-Zeit relativieren, verdrängen oder übertragen. Wir alle wissen, wie stark der Umgang mit Geschichte eine Gesellschaft spiegelt und wir müssen uns entscheiden, wie wir diese aktiv mitgestalten. 

„Grabe, wo du stehst“ – das war und ist das Motto der Geschichtswerkstätten, die sich Anfang der 80er Jahre in Deutschland – so auch in Darmstadt gründeten. Der Blick liegt auf dem Geschehen vor Ort, auf jedem einzelnen und damit auf der Gesellschaft im Gesamten. Deshalb favorisieren wir einen Gedenkort, der die Einzelnen im System von Willkür und Terror im NS-Staat, NS-Ideologie, NS-Gesetzgebung und NS-Justiz fokussiert, der anregt, Individuen zu begegnen und anerkennt, dass die Menschen in den Gefangenbaracken der Muna NS-Unrecht und staatlich organisierter und geforderter Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt waren, ausgeführt von lokalen Tätern.

Gleichzeit enthält Erinnerungsarbeit aber immer auch eine Zuversicht. Die Zuversicht, dass ein bewusster Umgang mit Geschichte auf die Gegenwart rückwirkt, dass das Begreifen historischer Zusammenhänge und Strukturen zu einer sensibleren Wahrnehmung und Handeln in der Gegenwart führt, dass Erinnerungsarbeit die Gesellschaft, in der wir leben, aktiv gestaltet und Perspektiven schafft. Perspektiven der Begegnung. Perspektiven zur Überwindung von Ausgrenzung, Hass und Gewalt. Perspektiven für ein demokratisches Miteinander.  Darum ist es uns auch so wichtig, dass Jugendliche in den Prozess der Entstehung des Denkmals einbezogen werden und der Ort einlädt, selbst Fragen zu stellen. Darüber spreche ich nachher noch mit Hannes Metz. Und jetzt übergebe ich an Lutz Achenbach, dem ich schon vorab für seine Grußworte danken möchte. Schön, dass Sie sich in die Gedenkveranstaltung einbringen.

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